Bevor es wieder von Wien zurück ins Ländle geht, muss natürlich eine Wohnung her. Zentral gelegen soll sie sein – obwohl, wie sich herausstellt, ist man in Vorarlberg von nahezu jedem Ausgangspunkt, vorausgesetzt man ist motorisiert, innerhalb kürzester Zeit in einer der vier urbanen Ballungszentren. Die Lage scheint folglich eher von untergeordneter Bedeutung zu sein, also beschließen wir, den Fokus auf das Vorhandensein eines beschaulichen Gartens oder einer sonnigen Terrasse zu legen, immerhin zieht man nicht ohne Grund aufs Land.
Endlich scheint die perfekte Wohnung gefunden und die Angst, vorübergehend das alte Kinderzimmer bei den Eltern beziehen zu müssen, verflogen. Eine überschaubare 3-Zimmer Wohnung, nur einen Steinwurf vom Dornbirner Markplatz entfernt, mit einer südseitigen Loggia wird offeriert. Die Maklergebühren sind unverschämt hoch und erzeugen Bauchschmerzen, dennoch kontaktiere ich den Makler, um Details zu erfahren. Die Wohnung ist natürlich in einem 1A-Zustand und die Miete unter diesen Umständen lächerlich niedrig, erklärt er mir in perfektem Makler-Deutsch, mit starkem Luschtenauer-Akzent untermalt. Alle lebensnotwendigen Institutionen wie Sutterlüti und die Dornbirner Shopping-Meile quasi ums Eck. Ich hab bereits Blut geleckt, weil mir unbewusst immer noch die Angst vor der elterlichen Notunterkunft im Nacken sitzt und gebe mich durchaus interessiert. Sorge bereitet mir nur, dass es doch bestimmt schon viele Interessenten gibt und ich immer noch in Wien festsitze und daher erst in frühestens einer Woche einen Besichtigungstermin wahrnehmen kann. Ohne Umschweife gibt mir der pfiffige Makler zu verstehen, dass es zwar schon Interessenten gibt, aber schließlich nicht jeder Kandidat in Betracht gezogen wird. Immerhin handle es sich um eine Wohnanlage, in der ausschließlich bessergestellte Personen wohnen würden. Doktoren und ähnlich Gutsituierte. Seine Aufgabe als Makler sei es, das hohe gesellschaftliche Niveau nicht durch versehentliche Wohnungsvergabe an einen „Sozialfall" zu unterminieren. Bei mir jedoch würde man selbstverständlich gleich merken, dass ich aus einem „ghöriga Hus" käme. Ich bin im Moment doch einigermaßen verblüfft über die unverblümte Zurschaustellung selbstherrlicher Arroganz und staune gleichzeitig über die phänomenale Menschenkenntnis des Maklers, dessen Einfühlungsvermögen ihn offensichtlich befähigt, einen Menschen durchs Telefon hindurch zu kategorisieren. Allerdings ist mir dennoch nicht klar, ob es meine gekonnt freundliche Telefonstimme oder ganz einfach meine Fähigkeit, einen syntaktisch korrekten Satz zu formulieren war, die mir nun das Privileg einräumen, als potentielle Mieterin in Betracht gezogen zu werden.
Eine böse Vorahnung beschleicht mich und meine Vorfreude auf die schöne City-Wohnung minimiert sich zusehends, angesichts der Vorstellung, mit lauter Gutsituieren, womöglich „Bödeledeutsch" Sprechenden unter einem Dach leben zu müssen. Eine Bekannte rät mir nun zu einem Wohnungsinserat, allerdings dürfe ich, um meine Chancen zu optimieren, meinen Inländerstatus und meinen akademischen Titel nicht verschweigen. Na dann! Ich wusste doch schon immer, dass sich so ein Studium rentiert!
Dienstag, 9. Oktober 2007
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